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Die letzten Jahrzehnte




GERDA SCHMITT-TEßMANN

25 Jahre Walluf 1971 - 1996


Im September 1971 hatten die Gemeindevertretungen der beiden Gemeinden Ober- und Niederwalluf im damaligen Rathaus von Niederwalluf die freiwillige Zusammenlegung der Gemeinden beschlossen und in Anwesenheit von Landrat Dinse den Grenzänderungsvertrag zum 1. Oktober 1971 unterzeichnet.

Die vorausgegangenen Beratungen der Kommunalpolitker im Schulzweckverband hatten die Vertrauensgrundlage gebildet und die Eingliederung der Gemeinden nach Eltville oder Wiesbaden im Rahmen der Gebietsreform verhindert. Der gemeinsame Name wurde Walluf, das Wappen von Niederwalluf mit dem „W" bot sich als gemeinsames Wappen an.

Bis zur Neustrukturierung der Gemeindekörperschaft leiteten Heinz Feiler für Niederwalluf und Willi Post für Oberwalluf die Amtsgeschäfte. Der erste gewählte Bürgermeister von Walluf wurde Eberhard Mehl. Er trat das Amt im Januar 1972 für 4 Jahre an. Walluf zählte damals 4.745 Einwohner.

1975 feierte die Gemeinde Walluf das Fest der 10-jährigen Verschwisterung mit der ihrer Partnergemeinde La Londe les Maures und dem dort neu gewählten Bürgermeister Philippe de Canson. Der große Walluf-Freund und Bürgermeister Comte de Leusse, der Initiator der Partnerschaft, wurde kurz zuvor zum Ehrenbürger von Walluf ernannt. Er starb kurz danach, im selben Jahr.

Zum 15. Oktober 1976 trat Bürgermeister Mehl in den Ruhestand, zu seinem Nachfolger wurde Werner Kluth, der letzte Bürgermeister von Oberwalluf, gewählt. In seiner Amtszeit wurde das Baugebiet Nordwest (das Blumenviertel) erschlossen. Für den Bau des Klärwerkes im Rheingau mußten große Abwasserleitungen verlegt werden.

Bürgermeister Kluth engagierte sich in der Vereinsarbeit und förderte Eigeninitiative. Auf diese Weise ist die Pflänzerkapelle neu aufgestellt und der Kindergarten in Oberwalluf umgebaut worden.

Die Ortskernsanierung Niederwalluf, die den Bau einer Durchgangsstraße über den Erikaweg, Steinritzweg, durch das Paradies unter dem Viadukt zum Brückenplatz ermöglichen sollte, fand ihren Abschluß. Eine Bürgerinitiative verhinderte den Ausbau dieser innerörtlichen Umgehung vor der Fertigstellung der Umgehungsstraße. Der Verkehrsstrom hätte den Ort zweimal zerteilt.

1977 wurde nach 6-jähriger Vakanz Andrea Mehl zur Weinkönigin gewählt. Die Winzer beteiligten sich am Hessentag und den Eröffnungsfeierlichkeiten der HAFA im Kurhaus Wiesbaden.

1979 beging Walluf die 1200 Jahrfeier der ersten urkundlichen Nennung eines Weinwerkes in der Gemarkung Niederwalluf. Walluf ist somit die älteste Weinbaugemeinde des Rheingaus.

1983 wurde das Fest „Wallufer Weindorf" zum ersten Mal begangen. Die Verwaltung brauchte Platz. Zur Finanzierung eines neuen Rathauses wurde das Obergeschoß des „Alten Rathauses" am Rhein in Eigentumswohnungen umgestaltet und verkauft. Der untere Teil wurde zu einem Sitzungssaal, der Gemeindebücherei und Vereinsräumen umgebaut. Ein neues Rathaus entstand in der Mühlstraße im ehemaligen Bürogebäude der Zahnfabrik Wilde. Werner Kluth stellte sich nach 6-jähriger Amtszeit nicht mehr einer Wiederwahl.

1982 wurde nach einer Ausschreibung Bernhard Hoffmann zum Bürgermeister gewählt. Bürgermeister Hoffmann war ein versierter Verwaltungsfachmann. In seiner Amtszeit wurde das Gewerbegebiet „Kressboden" ausgewiesen, in Anlehnung an die Umgehungsstraße. Namhafte Betriebe siedelten sich dort an. Das Steueraufkommen machte Walluf zu einer wohlhabenden Gemeinde. In Oberwalluf entstand durch den Umbau der „Alten Schule" ein Mehrzweckhaus.

1985 feierte die Gemeinde Walluf die 20-jährige Verschwisterung mit der französischen Partnergemeinde. Der Ausbau der Umgehungsstraße kam voran. Sie sollte Walluf und Eltville vom Berufsverkehr entlasten.

Im August 1986 konnte die Freiwillige Feuerwehr Niederwalluf in ihr neues Gerätehaus hinter dem Rathaus einziehen. Sie hatte sich an dem Umbau des leerstehenden Fabrikgebäudes mit beachtlichem Arbeitseinsatz beteiligt. Es gründete sich die erste Frauenfeuerwehr im Rheingau. Die langjährige ehrenamtliche Büchereileiterin erhielt eine feste Anstellung.

1987 zählte Walluf 5.395 Einwohner.

1988 stieg das Hochwasser noch höher als 1970. Die beiden Wehren waren tagelang im Einsatz. Am 15.12.1988 gab es zum großen Entsetzen in Walluf ein Unglück durch eine Gasexplosion. Die Ursache war ein Schaltfehler.

Nach der Beendigung der von der Bundesrepublik angesetzten Volkszählung wurde der frei gewordene Raum im Feuerwehrgerätehaus eingerichtet. Er sollte zur Unterkunft für das Heimatarchiv werden. Die ernannten ehrenamtlichen Archivare sollten die zum Teil 400 Jahre alten Akten aufarbeiten und katalogisieren. Bürgermeister Hoffmann verband damit die Erwartung, daß durch ihre Erschließung und Veröffentlichung Walluf an Identität gewinnen möge. Das Rote Kreuz und der Arbeiter Samariterbund erhielten ebenfalls Räume im Feuerwehrgerätehaus.

Leider ist aus der Zeit, als entlang des Wallufbach die stärkste Befestigung des Rheingaus durch Gebück und Bollwerke errichtet war, nur die alte Mauer im Paradies sichtbar stehen geblieben.

Im August 1989 wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Umgehungsstraße eingeweiht. Die Blechlawine verstopfte nicht mehr täglich die Hauptstraße.

1991 zählte Walluf 5.982 Einwohner.

In der Hauptstraße erforderte die notwendige Sanierung und Verlegung der Versorgungsleitungen eine monatelange Vollsperrung. Im Anschluß daran erhielten der Brückenplatz, die Hintergasse, die Fischergasse und die Kirchgasse eine neue Gestaltung.

Die Walluftalschule feierte im Mai 1993 ihr 25-jähriges Bestehen. Ausgestattet mit einer Turnhalle, einem Lehrschwimmbecken, einem Kleinsportfeld und einem Schulgarten, ist sie noch heute vorbildlich. Das hohe Verkehrsaufkommen in dem Gewerbegebiet ist durch Kreisverkehr entzerrt worden.

Die Gemeinde plant eine Erschließung durch eine neue Straßenführung, die die Bahnlinie unter der B 260 (Straße nach Martinsthal) kreuzt. Die Stiftung „Karl-Heinz und Margot Vehlen" soll der Gemeinde ermöglichen, ein Altersheim zu bauen. Für junge Menschen ist Bauland unerschwinglich geworden.

1993 erschien der erste Band der Ortsgeschichte der Heimatarchivare. Zum 80. Geburtstag verlieh die Gemeinde Altbürgermeister Eberhard Mehl, Träger des Bundesverdienstkreuzes, die Ehrenbürgerschaft. Die Urkunde überreichten Bürgermeister Bernhard Hoffmann und Günter Dietz, seit 1972 Vorsitzender der Gemeindevertretung. In der Nacht zum 01. Januar 1994 starb unerwartet Eberhard Mehl. Die Anteilnahme der Bevölkerung bezeugte die Wertschätzung für seine integrierende Persönlichkeit.

Die geänderte Kreisumlage belastete auch die wirtschaftlich starke Gemeinde Walluf. Doch konnte durch das Gewerbesteueraufkommen der Haushalt ausgeglichen werden.

1994 hatte Walluf 6.000 Einwohner.

In diesem Jahr wurde der Bürgermeister erstmals von den Bürgern durch Direktwahl gewählt. Eine Frau und zwei Männer stellten sich der Wahl. Im Mai entschied eine Stichwahl gegen die weibliche Kandidatin. Der neu gewählte Bürgermeister ist Heinz Spiekermann. Bürgermeister Hoffmann hatte sich am Ende seiner Amtszeit um das Amt in Eltville beworben. Zum letzten Mal eröffnete er das Wallufer Weindorf mit der Aufstellung einer Kelter von 1750 an der „Pforte zum Rheingau".

Ein gigantisch geplantes Kompostwerk gegenüber dem Gewerbegebiet brachten Bürgerinitiative und juristische Schritte zu Fall. Zu guter Letzt war es doch unnötig. In zähen Verhandlungen wird versucht, einen zufriedenstellenden öffentlichen Personennahverkehr im Kreisgebiet einzurichten. Eine allgemein verträglich Lösung wird für die Erweiterung und Modernisierung eines erfolgreichen altansässigen Unternehmens angestrebt.

In Oberwalluf wurde 1995 in der Ortsmitte ein Haus fertiggestellt, in dem ein türkischer Mitbürger wenigstens wieder Grundnahrungsmittel für die Bürger anbot. Im Frühjahr des Jahres fuhr Bürgermeister Spiekermann mit Vertretern der Gemeinde zum Kennenlernen nach La Londe. Bürgermeister Philippe de Canson war nach 20 Jahren abgewählt worden.

Die Verschwisterungsfeierlichkeiten der 30-jährigen Deutsch-Französischen-Partnerschaft sollten zum Höhepunkt des Jahres 1995 werden. In Zusammenarbeit der Gemeindeverwaltung und dem Deutsch-Französischen-Komitee wurden alle ortsansässigen Vereine angeschrieben und um ihre Mitgestaltung gebeten. Das Programm wurde erarbeitet und eine Festschrift geschrieben.

Der Festzug eröffnete die Veranstaltungen zur Verschwisterung am Abend des 25. August 1995, die mit dem Wallufer Weindorf zusammengelegt worden waren. Der Festzug, angeführt von den Winzern, der Wallufer Weinkönigin - begleitet von den Rheingauer Weinmajestäten -, den Musikvereinen, dem Bürgermeister und der Gemeindeverwaltung, einer Abordnung der französischen Partnergemeinde und den Gästen, erreichte den Festplatz am Rhein.

Zum ersten Mal wurden die Begrüßungsworte in deutscher Sprache von der französischen stellvertretenden Bürgermeisterin Mme Ledun vorgetragen. Die Verschwisterungsfeierlichkeiten waren für alle Beteiligten ein unvergeßliches Erlebnis. Das „Wallufer Weindorf" hatte durch die einsetzenden Sommergewitter wenig Erfolg.

Im Herbst des Jahres feierten die Geistlichen beider Konfessionen, Pfarrer Paul Keul und Pfarrer Bernd Tillmann, ihr 25-jähriges Amtsjubiläum. Auch 1995 konnte der Haushalt der Gemeinde Walluf ausgeglichen verabschiedet werden. Für größere wirtschaftliche Entwicklungen ist derzeit kein Spielraum. Die Menschen, die 1946 durch Krieg und Vertreibung in Walluf eine Bleibe fanden, haben sich in den 50 Jahren gut integriert.

Im Februar 1996 hat Walluf 6.063 Einwohner.

Die lokale Orientierung kommt nicht ohne die gewohnte Bezeichnung Ober- oder Niederwalluf aus. Auch in der Vielfalt der Vereinsnamen ist sie noch erhalten.

Die innerörtliche Bestimmung, ob das denn einer aus Ober- oder Niederwalluf ist, kann im Gespräch noch immer bis zur leichten Erregung führen. Sie endet aber meist in der Beschwichtigung, daß nun doch alle Wallufer sind. Die beispiellose wirtschaftliche Entwicklung der Großgemeinde Walluf bestätigt diese Entscheidung.